Geschlechterstereotypen und die Falken

Im Rahmen meiner Masterarbeit habe ich mich ein Jahr lang mit Männern in geschlechtsuntypischen Berufen und deren Vorstellungen von Geschlechterstereotypen befasst. Nach so intensiver Auseinandersetzung auf theoretischer Ebene, habe ich mir Gedanken gemacht, wie sich die Ergebnisse der Arbeit mit meinem «realen» Leben verknüpfen lassen. Dabei kreisten meine Gedanken auch um die Arbeit bei den Roten Falken. Ich habe mir überlegt, inwiefern mich die Zeit bei Roten Falken bezüglich meiner eigenen Vorstellungen geprägt hat und wie ich das Zusammenleben bei den Falken in Zusammenhang mit dem Thema meiner Forschung einordnen kann. Mir wurde bewusst, wie wichtig die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen ist (das nicht nur in Bezug auf den Arbeitsmarkt oder die berufliche Zukunft von Kindern und Jugendlichen, sondern auch gesamtgesellschaftlich). Um den Rahmen meiner Forschung und anschliessend daran meine Überlegungen besser verstehen zu können, möchte ich mit einer Zusammenfassung der Arbeit einsteigen.

Forschungsergebnisse

Die Geschlechtersegregation auf dem Arbeitsmarkt führt dazu, dass sich gewisse Personen, die einen Beruf gewählt haben, in dem ein Geschlecht statistisch untervertreten ist, ihre Wahl erklären und legitimieren müssen. Die Erklärung und Legitimierung für die Berufswahl verlaufen entlang verschiedener Argumentationsmuster. Die Legitimation erfordert unter anderem eine Auseinandersetzung mit eigenen Vorstellungen von Geschlecht und normativen Ideen der Gesellschaft. In meinem Forschungsprojekt habe ich untersucht, wie junge Männer in geschlechtsuntypischen Berufen über Männlichkeit diskutieren. Mit einer Diskursanalyse von Interviewtranskripten konnte ich aufzeigen, dass junge Männer gleichzeitig von einer Auflösung der Geschlechterrollen ausgehen, bei praktischen Arbeiten und Rollenvorstellungen trotzdem in geschlechterstereotypen Logiken denken. Eine stereotype Geschlechterordnung sieht Männlichkeit in einer hegemonialen Position. Männer in Berufen mit statistisch tiefem Männeranteil nehmen eine Privilegierung von Männern ebenfalls aktiv wahr, argumentieren aber nicht auf struktureller Ebene, sondern mit ihrer ausserordentlichen Eigenleistung. Trotzdem ist es für sie wichtig, nicht ganz alleine unter Frauen zu arbeiten, die Verbindung zwischen Männern scheint speziell und essentiell für das Wohlbefinden zu sein. Es fällt auf, dass junge Männer in ihrer Argumentation sehr sensibel auf verschiedene Kontexte reagieren und immer wieder erwähnen, dass sie sich in Gesprächen den zuhörenden Personen anpassen. Während sie sich ihren Kollegenkreis frei ausgesucht haben und in Zusammenhang mit diesem Kontext betonen, dass die Vorstellungen eher von einer gleichberechtigten Ordnung zwischen den Geschlechtern ausgehen, sind sie am Arbeitsplatz mit geschlechtsstereotypen Vorstellungen konfrontiert und passen sich dort eher an die Meinungen an. Um eine Geschlechtersegregation auf dem Arbeitsmarkt weiter aufzulösen und somit Talenten den Weg in geschlechtsuntypische Berufe zu vereinfachen, müssten Schulen und Ausbildungsbetriebe auf die Thematik aufmerksam gemacht werden.

…und im Falkenalltag?

Die Ergebnisse meiner Forschung, vor allem die Wahrnehmung der Erwartungen an Männer fand ich äusserst spannend. In einem Selbstverständnis sprachen meine Interviewpartner parallel von einer Gleichstellung der Geschlechter aber auch von stark vorhandenen stereotypen Geschlechterrollen. Diese Gleichzeitigkeit zeigt, wie wichtig das Thematisieren und Ansprechen von Geschlechterrollen ist. Da sind auch Orte und Treffpunkte, an denen Kinder und Jugendliche verkehren, gefordert. Meiner Einschätzung nach, arbeiten die Roten Falken seit jeher durch die Gestaltung des Gruppenalltages an diesem Thema.
Soweit ich das aus meiner aktiven Falkenzeit und aus meinen jetzigen Einblicken in den Gruppenbetrieb beurteilen kann, ist genau das Diskutieren und Aushandeln von Vorstellungen und Ideen von Geschlechterrollen im Gruppenbetrieb alltäglich. Das beginnt damit, wer im Fussball den Ball zugespielt bekommt und endet mit Diskussionen im Helfer*innen-Team, wer sich jeweils um die Kinder kümmert, die Heimweh haben, oder wer den Abwasch erledigt. Und genau diese feinen, alltäglichen Aushandlungen finde ich interessant und ich finde es auch wichtig, dass Kinder solche Diskussionen zum einen mitbekommen und zum andern aktiv führen. Zu erfahren, dass solche Diskussionen, trotz der vermeintlichen Gleichstellung, absolut angebracht sind und man sich darin gegen normative Vorstellungen stellen kann, ermöglichen es, dass Kinder und Jugendliche eher den Weg wählen können, der ihren eigenen Vorstellungen entspricht und sich nicht dazu genötigt fühlen, die Richtung einzuschlagen, die ihnen aufgrund ihres Geschlechtes von der Gesellschaft zugeschrieben wird.

Fazit

Diskussionen und Gespräche, die den Ansprüchen von Kindern und Jugendlichen entsprechen können das Selbstbewusstsein fördern und können auch für Personen wichtig sein, die sich zum Beispiel nicht in die binäre Geschlechterordnung einfügen (siehe Falkeninfo Nr. 29, Mai 2018).

Ich finde es toll, wenn die Roten Falken ein Raum schaffen, an dem über Geschlechterrollen diskutiert wird und somit auch dazu beitragen, dass Stereotypen angezweifelt werden und verschiedene Geschlechter sich wohl fühlen.

Marisol